Ich vertrat einen Kollegen, welcher den Job aus Krankheitsgründen nicht persönlich absolvieren konnte, … natürlich zu der, von ihm ausgehandelten Gage.
"Aber was soll's", dachte ich bei mir, " … bevor ich zuhause sitze, und mit meinen Fußnägeln einen neuen Rekord im "Weitschnipsen" aufstelle, geh' ich doch lieber arbeiten. Außerdem hatte ich schon lange vor, mir auf meinem Trecker eine neue Freisprecheinrichtung einzubauen, … und da kam mir das Geld gerade recht."
Es handelte sich um einen 60. Geburtstag, welcher in einem angemieteten Schützenheim gefeiert werden sollte.
Die Gastgeber kamen auch rechtzeitig und ich erhielt vorab einige Informationen: Ca. 84 Gäste würden erwartet, alle im Alter so um die 65 Jahre. Aufgrund einer Kriegsverletzung wäre der Gastgeber leider nicht in der Lage, zu tanzen. Ach ja, leider ist es aufgrund der Räumlichkeiten nicht möglich, dass die Anlage bei den Gästen im Saal aufgebaut werden könnte. Man verwies mich auf einen Platz im Eingangsbereich des Heimes. Hier, so erfuhr ich, wird nachher auch das Spanferkel serviert.
Soweit alles okay, ich baute auf, machte einen kurzen Soundcheck, und wartete auf meine Gäste, welche auch gegen 19.00 Uhr pünktlich - in bester Partylaune - eintrafen.
Ich spiele gerne Musik zum Sektempfang, … bisschen blöd war in diesem Fall nur, dass der Sektempfang im Saal stattfand, und ich lautstärketechnisch somit keine Chance hatte, meine dezent gehaltenen Swingnummern den Gästen zu Gehör zu bringen.
Die Gäste kamen rein, zogen die Mäntel aus, lächelten mir kurz zu, - und verschwanden im Saal.
Irgendwann kamen dann keine Gäste mehr, und die Saaltür wurde geschlossen.
Dafür kam um 19.30 Uhr das Spanferkel. Das heißt, es kam nicht, sondern es wurde gebracht, denn aufgrund seiner Verbrennungen 3. Grades war das Schwein nicht mehr in der Lage, selbst zu kommen, um anschließend auch noch aus eigener Kraft aufs Tablett zu hopsen. Der für das Bringen zuständige Mann platzierte das tote Schwein direkt neben meiner Bassbox, dekorierte noch ein bisschen an dem fettigen Leichnam rum, bevor er sich mit den aufmunternden Worten "Na, dann wünsch ich euch beiden noch einen angenehmen Abend!" verabschiedete.
Tja, da standen ( beziehungsweise: lagen ) wir nun rum: das Schwein und ich.
Um Verwechselungen an dieser Stelle gar nicht erst aufkommen zu lassen: ICH war der mit dem Monitor im Ohr! Das mit dem Apfel im Maul war das Schwein! )
Ich hatte Pause, denn von den Gästen war weit und breit nix zu sehen und zu hören. Ich kenne mich zwar mit toten Schweinen nicht so richtig aus, glaubte aber nicht, dass das Tier großartigen Wert darauf legen würde, mit sanfter Tischmusik berieselt zu werden, während es auf seinen Einsatz wartete.
Stattdessen zog ich es vor, erst einmal abzuwarten, bis ich von den Gastgebern weitere Instruktionen erhalten würde.
Mir war langweilig - aber so richtig! Ich begann damit, Manfred ( so nannte ich das tote Ferkel mittlerweile ) Bilder von meiner Familie zu zeigen und ihm von meinem letzten Urlaub in Oberstdorf zu erzählen. Was tut man nicht alles aus Langeweile?!
Irgendwann ging dann mal die Tür auf, und das Publikum kam herein. Nein, nicht meinetwegen, sondern wegen Manfred, welcher stur und selbstsicher vor meiner Bassbox trohnte.
Man nahm von mir keinerlei Notiz, wohl aber von Manfred.
Nach weiteren Minuten, … nun ja, auch wenn es komisch klingt, … ich begann, Manfred irgendwie für die ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit zu beneiden. Nicht, dass ich gerne seinen Job übernommen hätte, … aber irgendwie wurmte mich das schon kräftig!
Ich weiß nicht, warum ich irgendwann auf die Idee kam, mir eine Weintraube hinter's Ohr zu klemmen. Wahrscheinlich geschah das aus tiefenpsychologischen Gründen, über die ich mir aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bewusst war.
Auf Wunsch des Gastgebers sollte ich zum Essen keine Hintergrundmusik spielen, man würde es vorziehen, sich während des Essens zu unterhalten, … und da würde die Musik wahrscheinlich nur stören.
"Ok, dann eben nicht! … PÖH, mir doch egal. Langweile ich mich hier eben weiter rum, und lasse es zu, dass Manfred der Star des Abends ist."
WIE DEMÜTIGEND !!!! 1:0 für ein totes Schwein!
Ich beobachtete mich dabei, wie ich anfing, Manfred zu hassen!
Das Essen dauerte ca. 1 Stunde, natürlich hinter geschlossenen Türen. Ich hatte wieder Pause. Ich hatte mittlerweile auch keine Lust mehr, mich mit Manfred zu unterhalten - außerdem sah er in der Zwischenzeit auch gar nicht mehr so fit aus.
Manchmal hatte ich zwischendrin sogar das Gefühl, dass der fette Kadaver mich angrinst. Hämisch, siegesbewusst und spöttisch sah er mich an, … Er hatte längst begriffen, dass er gegen mich gewonnen hatte.
Habe Manfred dann irgendwann die Augen mit Gaffa -Tape zugeklebt - "ätsch Alter, nicht mit mir!"
"So, wir sind mit dem Essen fertig. Wir haben uns alle lange Zeit nicht gesehen, deshalb halten meine Frau und ich es für ratsam, wenn Sie sich auf dezente Unterhaltungsmusik beschränken - und falls dann doch mal jemand tanzen möchte, …"
Das war eine klare Anweisung!
Folglich wurde es ein eher ruhiger Abend, hin und wieder musste mal jemand zum Klo, welches sich direkt neben mir befand. Ab und zu fielen dabei auch nette Worte für mich ab, z. B.: "Och, Sie Armer, … Sie sind hier aber wirklich zu beneiden! So allein! Aber immerhin haben Sie jemanden hier, mit dem Sie sich unterhalten können, … hä häää"
Ich war sauer, aber so richtig! Außerdem hatte ich Manfred mittlerweile meine Freundschaft gekündigt! Es gab auch nichts, was ich mir mit Manfred noch hätte erzählen wollen - zwischen uns war alles gesagt.
In den Tanzpausen fand ich meine Befriedigung darin, Manfred mit zusammengeknüddelten Gaffakügelchen zu bewerfen - was aber nach und nach auch seinen Reiz verlor, weil Manfred keinerlei Anstalten unternahm, sich zu wehren.
Gelegentlich geschah es dann dennoch, dass jemand das Bedürfnis verspürte, tanzen zu wollen. Habe dann den ganzen Abend Wunschtitel gespielt.
Gegen 22.00 Uhr schlossen sich die Türen wieder, ein Diavortrag war vorgesehen, dieser würde ca. 10 Minuten dauern.
Ich erkannte sofort meine Chance, es Manfred heimzuzahlen. Meine Stunde war gekommen. Bislang hatte ich mit Manfred ein relativ gutes, kollegiales Verhältnis, aber das war jetzt vorbei. "So, mein Freund, jetzt bist Du dran, der nächste Titel ist nur für Dich ganz allein!""
Ganz leise begann ich: "Einmal kommt der Tag, wo man Urlaub macht ….."
DA WIRD DIE SAU GESCHLACHT', ………. aber alle 5 Strophen - … voll durchgesungen. Ein geiles Gefühl der Rache durchfuhr mich. Endlich konnte ich es ihm heimzahlen. Ein Triumph. Nun stand es 1:1 = Gleichstand!
Gegen 01.30 hatte ich dann Feierabend. Viele Gäste steckten sich beim Rausgehen noch eine Karte von mir ein: "Sehr schöne dezente Musik, wir nehmen uns mal Ihre Karte mit, … vielleicht sehen wir uns ja mal wieder!"
Ich freute mich darüber, dass meine Musik so gut bei den Gästen ankam, und insgeheim war ich froh darüber, dass Manfred an diesem Abend keine Karten dabei hatte.
Wie hatten die Gäste zu mir gesagt? " … vielleicht sehen wir uns ja mal wieder!"
Schwein gehabt, … denn zu Manfred hat das keiner gesagt!